Out of Ideas
Ungeschminkt

Kaum dass der neue Tag erwacht,
schnell ab ins Bad und hübsch gemacht.
Schminke hier und Tusche dort,
wischt die Schlafesspuren fort.

Wenn ich dann aus der Türe geh,
die Leute jemand anders sehn.
Nicht die, die ich vorhin noch war,
als ich vorm Spiegel stand, ganz nah.

Ich frag mich, muss das wirklich sein,
dass ich mich fühle ganz allein,
wenn ich nicht bin wie ihr es wollt,
und ihr mir dann kaum Achtung zollt.

Warum muss ich ne andre spielen,
muss aussehn, wie eine unter Vielen?
Will ich euch meine Seele zeigen,
muss ich ich und ungeschminkt bleiben.

 

27.4.09 12:07


Das Wagnis

Zitternd stand er da, den Blick starr auf den Boden gerichtet, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. „Jetzt reiß dich mal zusammen!“, sagte einer seiner Kumpels gerade. „Mann oder Memme?“ fragte ein anderer augezwinkernd.

Aber was wussten die schon? Schweißperlen traten auf seine Stirn, seine Ohren beherbergten einen ganzen Bienenstock und sein Herzschlag ließ vermuten, er habe soeben einen neuen Weltrekord im Hundertmeterlauf aufgestellt.

Scheiße, ist mir schlecht, dachte er nervös, ging in Gedanken noch mal alle wichtigen Punkte durch, atmete tief ein, tat einen Schritt nach vorn – und ging hinüber zu Lisa um ihr seine Liebe zu gestehen.


 

27.4.09 12:04


Das Haus in der Dunkelheit

Sie wusste nicht, seit wann sie schon durch die Dunkelheit irrte, wie sie hierher gekommen war und was sie überhaupt zu finden hoffte. Angst hatte sie keine, im Gegenteil, nur erkannte sie nicht so recht,
in welche Richtung sie gehen sollte.

Es schien alles wie ausgestorben, nur in einem einzigen Haus am Ende der Straße brannte Licht. Zunächst traute sie sich nicht hinzugehen, wer weiß, wer da wohnt, dachte sie, nahm dann aber doch allen Mut zusammen und klingelte.

„Zwei Minuten länger und wir hätten sie nicht mehr zurückbekommen“, sagten die Ärzte erleichtert als ihr Herz wieder zu schlagen begann.

27.4.09 12:02


Gefühltes Leben

Schön ist sie nicht, nein, aber was sagt das schon aus? Viel schlimmer ist, dass sie sich nicht liebt, glaubt, alles falsch zu machen und keinerlei Freude am Leben empfindet.

Sie hasst sich. Ihr Gesicht, ihren Körper, ihren Geist. „Du bist ein Nichts!“, hat sie früher immer gesagt bekommen und das ist es auch, was sie selbst über sich denkt. Ein emotionsloses Nichts.

Doch manchmal spürt auch sie, dass sie ein fühlendes Wesen ist. Wenn sie mit routinierten Griffen die Rasierklinge an ihren Armen ansetzt und der Schmerz ihr Gehirn erreicht, dann spürt selbst sie, dass sie am Leben ist.

27.4.09 09:49


Alles okay

Es tut nicht wirklich weh. Nur ein bisschen, kaum zu spüren. Denk einfach gar nicht drüber nach, mir geht es gut. Ich wünsche dir alles, was ich mir für mich wünsche. Nein, ich bin nicht nachtragend, warum sollte ich auch?

Es war einfach klar, wir wussten es doch schon ewig.
Ich habe dich lange gehasst, doch heute spielt es keine Rolle mehr. Selbst wenn du jetzt stirbst, macht es mir keine besondere Freude. Ich habe dir verziehen, Mutter.

Mein Herz zerbricht nicht mehr beim Schlagen und
meine Träume überdauern die Nacht. Nur wenn ich atme, dann tut es noch weh.


 

27.4.09 09:46


Berührungsängste

Ich weiß nicht mehr, wann ich aufgehört habe, Mutter zu berühren. Die Vorstellung, einmal in ihrem Körper gesteckt zu haben, jagt mir heute noch einen Schauer des Grauens über den Rücken und wenn es in meiner Kindheit ab und zu vorkam, dass ich sie nackt im Bad überraschte, schloss ich angeekelt meine Augen und trat instinktiv einen Schritt zurück.

Grundsätzlich war es mir auch lieber, wenn sie mit dem Gürtel, oder dem Kochlöffel zuschlug, anstatt mit ihren nackten Händen. Ihre Haut auf meiner – einfach widerlich!

Ich hätte Mutter oft gern den Hals umgedreht, doch dafür hätte ich sie berühren müssen.

27.4.09 09:43


Das kleine Tröpfchen

Ein winzigkleines Tröpfchen saß weinend auf einem Blatt. Da fragte es der Wind: “Aber Tröpfchen, was ist passiert?“

„Schau mich an“, schluchzte es, „ich bin winzigklein, keiner bemerkt mich - ich bin ein Nichts!“ Der Wind streichelte das Tröpfchen und fragte: „Und wie bist du auf dieses Blatt gekommen?“

„Vom Himmel bin ich gefallen, zusammen mit den anderen Regentropfen.“ Da lächelte der Wind und sprach: „Genau – zusammen! Ein einzelner von euch mag unscheinbar sein, doch gäbe es dich und deinesgleichen nicht, wäre die Welt schon lange verdörrt. Du schenkst Leben!“

Nie zuvor war das Tröpfchen so stolz in den Sonnenaufzug gestiegen.

27.4.09 09:41


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