Out of Ideas
Familienleben

Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte,
solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt.
Albert Einstein (1879-1955)


„Du Schlampe, lass mich in Ruhe!“, schallt es mir entgegen und ich zweifle einen kurzen Moment, ob ich mich nicht verhört habe.
„Verpiss dich, du blöder Wichser!“, dröhnt es als nächstes in meinen Ohren und ich registriere staunend, dass ich scheinbar doch nichts falsch verstanden habe.

Auf dem Sofa sitzend, meine linke Hand fest auf den Mund gepresst, kann ich es kaum glauben.
Mein Mann neben mir schlägt sich auf die Stirn, ruft: „Jetzt bring den doch endlich mal einer zur Vernunft!“ und stampft zur eindrucksvollen Untermalung seiner Worte heftig mit dem Fuß auf. Als würde das etwas nützen ...

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir diese Sendung anschaue, doch habe ich von Woche zu Woche den Eindruck, die „Fälle“ würden immer härter, anstrengender... einfach unglaublicher.
Ich sehe Kinder, die ihre Eltern beschimpfen, Geschwister prügeln, zu Alkohol und Zigaretten greifen, noch bevor sie die Grundschule beendet haben und es hat nicht den Anschein, als sei das, was sich da auf dem Bildschirm abspielt, eine Ausnahmesituation. Nein, das ist der Alltag in diesen „Familien“.
Kopfschütteln.

„Dennis, ich hab dir gesagt, du sollst dich zu uns setzen. Wir essen!“
Eine etwa 35-jährige Frau steht qualmend am Herd und rührt lustlos in einem Topf herum. Drohend deutet sie mit Zeige- und Mittelfinger, die Zigarette steckt dazwischen, auf ihren reglos im Türrahmen stehenden Sohn. Er sieht nicht gerade aus, als hätte er große Lust auf ein gemeinsames Mittagessen.
„Aaach, fick dich!“, sagt er fast gelangweilt und zeigt ihr ebenfalls einen Finger ...

„Junger Mann“, spricht sie ihn mit zusammengekniffenen Augen betont langsam an, „wenn du dich jetzt nicht augenblicklich auf deinen undankbaren Arsch setzt, dann kannst du was erleben. Haben wir uns verstanden?“
Laura, gerade mal vier, sitzt auf ihrem Stuhl und schaut ihre Mutter aus großen brauen Augen ängstlich an.
„Und du glotz mich nicht so an!“, weist ihre Mutter sie scharf zurecht und gibt ihr mit der linken Hand einen leichten Schlag auf den Hinterkopf.

Der Vater hockt nur da, mit vor der Brust verschränkten Armen mustert er seinen Sohn. Ich schaue in die Augen des Vaters und mir wird kalt.
Er hasst ihn, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf und ich spüre, wie ich langsam mit den Tränen kämpfen muss.

Plötzlich macht Dennis einen Schritt in Richtung Tisch, reißt die Tischdecke und alles, was sich darauf befindet herunter und brüllt:
„Ihr könnt mich mal! Fresst euren Scheiß doch alleine und du-“, mit einem Messer deutet er auf seine Mutter, „du hast mir gar nix zu sagen, du fette Hure!“
Dann wirft Dennis das Messer mit aller Kraft neben seine Mutter auf den Boden und stürmt laut fluchend aus der Wohnung.

Laura beginnt hysterisch zu schreien und zerrt an ihren Locken herum.

„Halt wenigstens du die Klappe!“, brüllt ihre Mutter, der Vater blickt verunsichert von seiner Tochter zu seiner Frau, öffnet den Mund, als wolle er etwas einwenden, überlegt es sich dann aber doch anders und bleibt stumm. Er senkt den Blick und starrt auf den leeren Tisch vor sich.

Die Mutter ist von Lauras anhaltendem Geschrei offensichtlich genervt, sie zerrt ihre Tochter grob vom Stuhl und schleift sie in Richtung Kinderzimmer. Laura stolpert, stürzt, schreit mehrfach „Aua“, doch ihre Mutter zieht sie einfach weiter, stößt sie ins Zimmer und knallt die Tür hinter ihr zu.
„Und da bleibst du jetzt, bis du weißt, wie man sich zu benehmen hat!“, brüllt sie, hastet ins Wohnzimmer an den Schrank, holt eine Flasche Asbach heraus und füllt damit ein Bierglas. Sie leert es, als sei es Apfelsaft.

Es kann nicht sein, doch ich glaube, das Brennen in meinem Rachen spüren zu können, als ich ihr dabei zusehe. Mir wird übel. Mein anfängliches Staunen hat sich gewandelt. Ich staune nicht mehr – ich bin geschockt. Auch mein Mann ist still geworden.

Ich kann mir das nicht länger anschauen. Der rote Knopf der Fernbedienung holt mich aus einem Leben zurück, welches vermutlich hinter vielen Wohnungstüren stattfindet. Heimlich, still und leise. Ich fühle mich, als hätte ich die Kinder durch mein Wegschauen im Stich gelassen ...

Mein Mann nimmt mich in die Arme.
„Hey Schatz“, sagt er zärtlich, als er mir die Haare aus der Stirn streicht, „diese Diplom-Nanny hat das bestimmt wieder hingekriegt. Die schafft das doch immer. Glaub mir!“ Dann zwinkert er mir aufmunternd zu und ich mühe mir ein schiefes Lächeln ab.

Sicher ... sie würden das ja gar nicht im Fernsehen zeigen, wenn am Ende nicht alles viel harmonischer wäre, als zu Beginn – und doch ... Ich muss daran denken, wie es den Kindern wohl ein paar Wochen später gehen wird. Dann nämlich, wenn die Kameras wieder weg sind und keiner mehr da ist, der den Eltern sagt, was sie zu tun oder zu lassen haben.
Natürlich wünsche ich den Familien, dass sie ihr Leben geregelt bekommen, sie einen Weg zueinander finden und die Kinder in einem Zuhause ohne Gewalt aufwachsen können – doch fällt es mir schwer, daran zu glauben.

Eine gewisse Verzweiflung macht sich breit und ich spüre den Drang, nach meinen schlafenden Töchtern zu sehen.
Ich schaue meinen Mann an, unsere Augen tauschen Zärtlichkeiten aus. Er steht wortlos auf, führt mich in die Zimmer der Mädchen und gemeinsam lauschen wir dem gleichmäßigen Atmen unserer Kinder.

Als ich meiner Jüngsten über die fast noch babyweichen Wangen streichle, fällt mir ein, wie ich am Nachmittag mit ihr geschimpft habe, weil sie mit Matschstiefeln ins frisch geputzte Wohnzimmer gestürmt kam. Stolz wollte sie mir ihren Schneemann zeigen, den sie gerade aus nassgeregnetem Sand gebaut hatte. Richtig gestrahlt hatte sie.
Jetzt sehe ich sie vor mir, wie ihr glückliches Lachen aus ihrem Gesicht weicht und sie beschämt zu Boden blickt.
Dabei haben wir Fliesen ... was ist da schon dabei?

Manchmal habe ich Angst, ich könnte mich unbemerkt in die Mutter auf dem Bildschirm verwandeln ...

23.4.09 19:28
 


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