Out of Ideas
Tortengeflüster

Wäre mir am Morgen dieses verhängnisvollen Tages auch nur im Entferntesten der Gedanke gekommen, ich würde die Wohnung, deren Tür ich soeben hinter mir geschlossen hatte, für längere Zeit nicht mehr betreten können, ich hätte Frau Kaminsky von nebenan schnell noch gebeten, sich um meine Pflanzen zu kümmern - doch ich war so ahnungslos wie Sie es derzeit noch sind.

Das Schreiben fällt mir nicht leicht, also versuche ich mich kurz zu fassen.
Ich war zu Besuch bei Großmutters achtzigstem Geburtstag. Spätestens nach der Trüffeltorte, den Hühnerbeinen, dem Schnaps und ganz bestimmt während dem Getröte des Alleinunterhalters wollte ich die unleidige Veranstaltung bereits wieder verlassen haben. (Glauben Sie mir, selbst heute noch plagen mich Alpträume, man trüge mich zu Grabe und über dem Friedhofsgelände schwebe das Damoklesschwert einer durchzechten „Fiesta Mexicana“!)

Alles fing ganz harmlos an. Die üblichen Begutachtungen, die gewohnten Wangenküsse, dann wurde auch schon das Kuchenbüfett eröffnet und die Unterhaltungen etwas unverständlicher, was sie jedoch für keine Millisekunde zum erliegen brachte.
Ich stocherte in meinem Stück Schwarzwälder herum, versuchte so unbeteiligt wie möglich zu wirken und verfolgte Gespräche der anderen Geburtstagsgäste. Sie kennen das ja sicher. Man sucht sich einen Platz etwas abseits, aber doch zentral genug, um weder zu sehr aufzufallen, noch völlig übersehen zu werden.

Ohne wirklich lauschen zu müssen bekam ich mit, wie Tante Jutta zwischen zwei Bissen Käsekuchen und einem geschlürften Café au lait bemerkte, dass Cousine Adelheid scheinbar ein paar Kilo zugenommen habe, sie nicht mehr ganz so taufrisch aussähe und der Grund vermutlich der sei, dass sie einfach keine Freude mehr im Leben habe, seit sie vor knapp einem Jahr dem Familienstand „verwitwet“ zum Opfer fiel.

Die Tische waren in Hufeisenform formiert und glauben Sie mir, hätte der Animateur des Strandhotels eine Runde „Stille Post“ ausgerufen, es wäre das gleiche Schauspiel gewesen. Tante Jutta hatte den Mund noch nicht ganz geschlossen, da bewegten sich einige Köpfe synchron nach links, gleichzeitig die Hand deren Besitzer in Richtung Mund, einen Trichter zum Ohr des Nebenmannes bildend.
Dieser und alle folgenden Tischnachbarn verfuhren ebenso bis ... ja bis es Cousine Adelheids Ohr war, welches beflüstert wurde.

Wäre es mir möglich gewesen, sekundenschnelle fototechnische Dokumentationen von Adelheids Gesicht zu erstellen, ein buntes Leporello sämtlicher Regenbogenfarben wäre entstanden! Blitzartig, wie sich zuvor ihr Teint veränderte, sprang sie plötzlich auf, riss sich ihre Serviette aus dem Ausschnitt, deutete mit ihrer Kuchengabel auf Tante Jutta und begann hysterisch zu schreien:

„Du, du ... was glaubst du eigentlich wer du bist? Eine frustrierte alte Frau die nie einen abbekommen hat, mehr nicht!“

Leicht verlegenes Grinsen blitzte in einigen Gesichtern auf.

„Meinst du denn im Ernst, du hättest das Recht, dir über mich und mein Aussehen das Maul zu zerreißen? Hüte deine Zunge! So manche Leiche ist schon wieder zum Leben erwacht, egal, wie lange sie bereits im Keller lag!“

Süffisant in Juttas Richtung lächelnd setzte sie sich wieder und schenkte sich einen Kaffee ein, als sei soeben nichts weiter geschehen.

Keine zwei Minuten später hatte ich eine Trichterhand am Ohr.

„Leichen? Weißt du da was? Welche Leiche denn? Onkel Günther meint, die Jutta könnte vielleicht der Adelheid ihren Mann ... Nein, das kann nicht sein, oder vielleicht doch? Stell dir das mal vor, das würde alles erklären, die hatten vielleicht was miteinander und dann wollte der Schorsch nicht mehr. Deshalb hat die Jutta ihn dann abgemurkst. Klingt doch logisch, oder was meinst du?“

Als hätten sie die letzten Jahre nichts Aufregendes mehr gesehen, blickten mich zwei wässrigblaue Augen aus einem verschrumpelten Gesicht an, welches über und über mit roten Hektikflecken bedeckt war und um dessen Mund sich glänzende Speichelschnüre wie Spinnweben zogen.

„Schon schlimm, wenn man sonst keine Höhepunkte mehr erleben kann, oder?“, sagte ich nur betont lässig, erhob mich und ging in Richtung Fenster um eine zu rauchen.
Welche Wort- und Satzfetzen es nun waren, die ihre Runden zogen, brauche ich eigentlich kaum zu erwähnen, tue es der Vollständigkeit halber aber trotzdem.

Von einem unverschämten Bengel war die Rede, was mir jedoch nichts weiter, als ein müdes Schmunzeln entlocken konnte. Ich hätte als Kind vermutlich nicht oft genug den Hosenboden versohlt bekommen, nähme sicher bewusstseinsverändernde Drogen und den dicken Benz draußen vor der Tür, den hätte ich mir wahrscheinlich durch Betrügereien ergaunert.
Ich lächelte immer noch still in mich hinein und bewunderte heimlich den Alleinunterhalter, der fast unbemerkt von den Geburtstagsgästen sein Programm abzog, sich aber keineswegs darüber zu ärgern schien. Mir kam der Verdacht, dass es bei anderen Veranstaltungen ähnlich zuging, er es demnach gar nicht anders gewohnt war.

„Seine Mutter hat doch früher schon nur über ihn geschimpft, der war noch nie zu was nutze und hat nur Unheil angerichtet. Kein Wunder, dass die arme Frau von ihrem Mann verlassen wurde. Wer hält es schon bei solch einem Kind aus! So welche werden nicht selten kriminell! Wie der schon aussieht und sondert sich immer so ab ... Der hat bestimmt was zu verbergen, warum kommt er denn sonst nur zwei Mal im Jahr vorbei? Das ist doch nicht normal ...“

Das Gemurmel an den Tischen ringsherum bekam Konkurrenz von einem leichten Brummen in meinen Ohren.

Der Einzige, der nichts über mich zu berichten wusste, schien der Möchtegern-Entertainer zu sein, alle anderen hatten die Köpfe zusammengesteckt und verrieten sich gegenseitig, was sie zu wissen glaubten.

Auf einmal hörte ich den Namen meiner Freundin, die vor gut drei Jahren einem Gewaltverbrecher zum Opfer gefallen war, den man aus psychologischen Gründen frühzeitig zum Freigänger gemacht hatte.

„Alles gelogen ...“, sagte einer der Anwesenden, „ ... war es selber, wisst ihr noch? Die lange „Geschäftsreise“. Von wegen, im Knast war er bestimmt, wenn ich’s euch sage ... Der hat sie selber auf dem Gewissen, glaubt mir!“

Das leichte Brummen in meinen Ohren war mittlerweile alles andere als leicht, im Gegenteil. Ein ganzes Formel-Eins-Rennen schien in meinem Kopf Station zu machen und von Pulsschlag zu Pulsschlag erhöhte sich die Zahl der teilnehmenden Fahrer.

„Vielleicht hat sie sich aber auch selbst umgebracht. Hat es bestimmt nicht mehr mit ihm aushalten können. Ihr habt`s ja gehört ... selbst der Vater ist geflüchtet! Also ich kann mir gut vorstellen, dass es so war! Das arme Ding, da gibt`s so viele Männer auf der Welt und gerade den muss sie sich aussuchen. Kein Wunder, dass einem da die Lust auf`s Leben vergeht!“

Dann geschah etwas, was ich nur mit dem Platzen sämtlicher Reifen der am Rennen beteiligten Wagen bezeichnen kann.

* * *

Das Schicksal wollte es so, dass der örtliche Friedhof in Sichtweite der Anstalt liegt. Tante Juttas Grab kann ich direkt sehen, Adelheids letzte Ruhestätte erkenne ich an der alten Eiche, die direkt neben ihren sterblichen Überresten in den Himmel ragt. Die anderen sind quer übers Land verteilt.
Es sollte mir Leid tun, ich weiß – aber wenn ich ehrlich bin ... ich glaube, es macht keinen großen Unterschied.

Ich sehe sie regelrecht vor mir, im Jenseits an einer großen Kaffeetafel sitzend und sich das Maul über mich zerreißend:
“Mensch hast du das gesehen? Da holt der einfach ein Feuerzeug raus, zündet alle Tischtücher und Vorhänge an, haut dann ab und verrammelt die Türen. Ich habs doch damals schon gewusst! Wie der sich hat tätowieren hat lassen, da hab ich zu meinem Ludwig gleich gesagt: Ludwig, sag ich, Ludwig ... mit unserem Neffen wird es noch ein böses Ende nehmen! Stimmts, Ludwig? Und wieder mal hab ich Recht behalten!“

Wenn ich an meine Familie zurückdenke, frage ich mich jedes Mal, wo in diesem Gewirr von deformierten DNA-Strängen denn wohl ich meinen Platz hätte haben sollen. Doch das spielt nun keine Rolle mehr.

Hauptsache, Frau Kaminsky kümmert sich während meine Abwesenheit gut um meine Pflanzen. Zum Glück hat man bei seiner Einlieferung ja einen Anruf frei. Sollte man sie nach mir fragen, das Spitzenangebot aus Übersee konnte ich unmöglich ablehnen ...

27.4.09 08:48
 


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