Out of Ideas
Vom Suchen und Finden

Das Finden stellt sich immer dann ein, wenn man das Suchen aufgibt, heißt es.
Auch ich habe diesen Satz in meinem Leben schon unzählige Male gehört, wusste eigentlich auch, dass er richtig war – doch ich gehörte nicht zu denjenigen, die das Suchen sein lassen konnten, niemals.

Wie viele Telefonate ich schon geführt, Orte besucht und Menschen befragt hatte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr sagen, ich wusste nur, dass alles erfolglos gewesen war. Keine meiner Unternehmungen hatten mich meinem Ziel nähergebracht, keine einzige, nicht mal ein kleines Stückchen.

Eines Nachts, auf die genaue Uhrzeit möchte ich mich nicht festlegen, weckte mich das schrille Klingeln des Telefons, welches am anderen Ende des Raumes auf dem Boden lag. Am Abend zuvor hatte ich mir wieder recht lange die Finger wundgetippt und war zu faul gewesen, den Apparat ins Wohnzimmer zurückzubringen. Jetzt war ich froh darum, wenn ich auch trotzdem aufstehen musste.

Ich schwang mich aus dem Bett und im ersten Moment wurde mir schwarz vor Augen, doch das war ich von Kindheit an gewöhnt und inzwischen überraschte es mich nicht einmal mehr. Ich atmete tief ein und lief mit geschlossnen Augen durch das Zimmer. „Wehe, da hat sich nur einer verwählt“, dachte ich noch, dann nahm ich verschlafen den Hörer ab und meldetet mich mit meinem Namen.
„Städtler, hallo?“ Am anderen Ende war es still.
Normalerweise legte ich immer gleich auf, wenn man mir nicht antwortete, das kam immer wieder mal vor, doch irgendetwas ließ mich noch einmal nachfragen.
„Hallo, Silke Städtler hier. Wen hab ich denn dran?“
Ich konnte deutlich hören, dass sich am anderen Ende jemand befand, das schnelle Atmen drang deutlich an mein Ohr doch es dauerte noch einen Moment, bis eine mir bis dahin fremde Männerstimme zu sprechen begann.

„Silke ... Städtler sagen Sie? Städtler, wie Stadt?“
“Genau so, was wollen Sie? Haben Sie sich verwählt?“
“Das weiß ich noch nicht so genau. Sagen Sie, hatten Sie mal einen anderen Namen? Ich meine, sind Sie verheiratet?“, wollte die Stimme plötzlich von mir wissen und ehrlich gesagt, ich dachte schon, da sei ein Perverser dran, der unten vor dem Haus stand und auf diesem Weg überprüfen wollte, ob ich denn auch alleine war – doch bevor ich antworten konnte (wobei ich nicht genau weiß, ob ich es getan hätte), sprach er schon weiter.
„Wissen Sie, wenn Sie nämlich schon mal anders geheißen haben, dann sind Sie nicht die Silke Städtler, die ich suche. Und bitte, erklären Sie mich nicht für verrückt, ich weiß, das muss Ihnen alles sehr verwirrend vorkommen, noch dazu mitten in der Nacht ... aber ... Sie haben nicht zufällig einmal in Hamburg gelebt?“
Einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, ich hätte einen Eiswürfel verschluckt, woher konnte dieser Mann wissen, wer ich war und wo ich früher mal gewohnt hatte? Immerhin war das schon fast dreißig Jahre her.

Ich war einfach zu erstaunt, um länger darüber nachzudenken, antwortete demnach nur knapp:
„Doch, hab ich“, und dann ließ ich mich langsam mit dem Rücken die Wand hinabrutschen. Dieses Telefonat war kein Gewöhnliches, das hatte ich schon mal verstanden.
„Hören Sie, Silke“, fuhr der Mann deutlich aufgeregt fort, „Ich habe Ihre Annonce gelesen und ich denke, ich kann Ihnen helfen.“
Mit einem Schlag schienen die Sterne vom Himmel zu fallen, zumindest tanzten mir eine ganze Menge bunter Fünkchen vor den Augen und ich spürte deutlich, wie mein Puls sich beschleunigte.
„Sie können mir helfen? Meine Anzeige? Soll das heißen, Sie kennen sie?“ Ich hatte plötzlich das Gefühl, mein Mittagessen käme mir wieder hoch und ich hatte ernsthaft Mühe, mich nicht mitten auf den Boden zu übergeben.
Sollte es denn wirklich möglich sein, dass meine Suche ein Ende gefunden hätte? Den Großteil meines Lebens hatte ich auf einen Augenblick wie diesen gewartet, doch ernsthaft damit gerechnet, dass er jemals tatsächlich eintreffen würde hatte ich schon seit Längerem nicht mehr.

„Okay ... sagen Sie mir doch erst mal Ihren Namen, ja?“
„Oh, entschuldigen Sie bitte, ich wollte mich nur erst vergewissern, dass Sie es auch wirklich sind. Ich heiße Brauer, Gottfried Brauer und nach dem, was ich ihrer Anzeige entnommen habe, schlage ich vor, wir treffen uns persönlich. Was ich Ihnen zu sagen habe, möchte ich ungern am Telefon besprechen. Ist das in Ordnung für Sie? Die Tankstelle bei Ihnen um die Ecke? In zwanzig Minuten? Es werden sicher andere Kunden da sein, sie brauchen keine Angst haben, wir sind sicher nicht allein ...“

Es mag unverständlich erscheinen, sich mitten in der Nacht mit einem wildfremden Mann an der Tankstelle zu treffen, doch ich konnte nicht anders. Schnell sprang ich in meine Jeans, zog mir Sweatshirt und Jacke über und machte mich auf den Weg.
Er würde eine Tafel Schokolade kaufen und sie beim Zeitungsregal essen, daran sollte ich ihn erkennen, hatte er noch gesagt.

Ich war eher da und wartete noch knapp zehn Minuten. Als der grauhaarige Mann die Tanke betrat, ahnte ich sofort, dass er es sein musste, warum, weiß ich nicht.
„Einmal Rittersport Mandel, bitte“, hörte ich ihn sagen und gleich darauf stand er vor den bunten Illustrierten und begann zu essen. Langsam ging ich auf ihn zu.

„Hallo, wir haben telefoniert“, sagte ich unsicher und streckte ihn meine Hand entgegen.
„Silke!“ Er schien sehr bewegt zu sein.
„Schön, dass sie gekommen sind, lassen Sie uns einen Kaffee trinken“, sagte er und ging zu einem kleinen Bistrotisch.
Ich glaube, ich wäre ihm überall hin gefolgt, er hatte eine Ausstrahlung, die einfach verrauenswürdig war, ich hatte keinerlei Bedenken.
Der Kaffeeduft dampfte mir warm in die Nase, als Gottfried Brauer zu sprechen begann.

„Ich habe gelesen, dass Sie Ihre Mutter suchen. In Ihrer Anzeige stand, dass Sie zur Adoption freigegeben wurden, wo Sie früher gewohnt haben, wie alt Ihre Mutter heute sein müsste und all das. Na ja, Sie selbst wissen ja am Besten, was Sie geschrieben haben.“
Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse und ich hätte sie ihm am liebsten aus der Hand geschlagen – er sollte weiterreden!
“Dummerweise hatte ich ihre Annonce verlegt, konnte mich nur an Ihren Namen erinnern, immerhin tragen Sie denselben Nachnamen wie Ihre Mutter. Nun, ich denke, ich weiß, wo sich die Frau befindet, die Sie suchen! Sie hatten völlig Recht, sie hat Hamburg nie verlassen.“

Und wieder nahm er einen Schluck, mir selbst schien selbst das Atmen zu anstrengend.
„Ich stelle es mir schrecklich vor, Zeit seines Lebens nicht zu wissen, woher man stammt, wer einen geboren hat und all diese Dinge. Deshalb habe ich mich auch schlau gemacht, als ich ahnte, dass ich die gesuchte Frau kenne. Ich will es kurz machen: Ihre Mutter und ich, wir kannten uns, ungefähr dreißig Jahre muss das nun her sein, so genau kann ich das nicht mehr sagen, doch es müsste so in etwa hinkommen.“
Ich starrte ihn ungläubig an.
„Sie kannten meine Mutter und erinnern sich nach so langer Zeit noch an sie?“ Unwillkürlich musste ich lächeln.
„Nun ... wenn Sie schon einmal so richtig verliebt waren, dann dürfte Sie das nicht weiter verwundern. Jedenfalls kam es zu einem – na ja, nennen wir es „Unfall“, ja – es kam zu einem Unfall und Maria wollte mich nicht mehr sehen. Ich wäre beinahe gestorben, ich hatte alles versucht, was ich konnte, doch sie ließ sich nicht abbringen.“
In mir wuchs ein Verdacht, der mir erneut mein Mittagessen ins Gedächtnis rief.

„Sie wollen doch nicht sagen ...“, begann ich, doch Herr Brauer unterbrach mich.
„Doch! Ich fürchte, genau das will ich sagen. Maria war gerade sechzehn, viel zu jung um solch eine Verantwortung zu übernehmen und ich? Na ja, ich musste zum Wehrdienst und wäre ihr demnach auch keine sonderlich große Hilfe gewesen.“
Ich umklammerte meine Tasse, den Geruch des Kaffees nahm ich kaum mehr wahr.
„Silke – ich weiß genau, Ihre Mutter hätte Sie liebend gerne selbst aufgezogen, doch sie war einfach überfordert. Es erschien ihr das Beste, Sie zur Adoption freizugeben, ich konnte es nicht verhindern. Ich habe ihr in Abständen immer wieder mal geschrieben, doch Antwort erhielt ich nie. Bis vor drei Jahren.“
Er zögerte kurz, fuhr dann jedoch fort.
„Doch es war nicht Maria, die mir schrieb. Silke, es tut mir leid, Ihnen schon wieder alles nehmen zu müssen, doch Ihre Mutter ist vor vier Jahren gestorben, diesmal ein wirklicher Unfall.“

Mit einem lauten Klirren fiel meine Tasse vom Bistrotisch.

„Ich war zwar nicht auf ihrer Beerdigung, habe ihr Grab aber inzwischen mehrfach besucht. Ich dachte, Sie sollten lieber eine schreckliche Gewissheit haben, als ständige Ungewissheit.“
Dann schwieg er.

„Und ... und Sie?“, fragte ich ihn nach einer Weile, „was hatten Sie mit Mutters erstem „Unfall“ zu tun?“
Ich konnte sehen, dass es ihm schwer fiel, daran erinnert zu werden, er senkte den Kopf und ballte seine Hände zu Fäusten, sagte jedoch nichts. Plötzlich kam er mit Tränen in den Augen auf mich zu und umarmte mich, doch ich löste mich sofort wieder.

„Es tut auch mir leid“, hatte ich nur gesagt, hielt seine Hände noch einen kleinen Moment fest, drehte mich dann aber um und ging nach Hause.

Angezogen lag ich noch recht lange auf meinem Bett und dachte über das nach, was Herr Brauer mir gesagt hatte. So lange schon hatte ich versucht meine Mutter zu finden, dass jetzt ich es war, die gefunden wurde, ich meine Mutter aber trotzdem niemals kennen lernen sollte, das schien mir den Verstand zu nehmen.
Mir war kalt, ich steckte meine Hände in meine Jackentasche und spürte mit einem Mal diesen Zettel.
Ich wusste, von wem der nur sein konnte, die Jacke war frisch gewaschen ...
Mit zittrigen Fingern entfaltete ich das Papier und las:
“Deine Mutter konnte ich dir nicht zurückgeben, doch wenn du magst, kann ich dir noch deinen Vater anbieten.“
Unterzeichnet: „Gottfried“.
Dann kam eine Telefonnummer.

Ich schloss einfach nur die Augen – die Tränen fanden ihren Weg auf mein Kopfkissen auch so.

Den Zettel trage ich heute, vier Monate später, immer noch bei mir. Vielleicht werde ich Gottfried tatsächlich einmal anrufen, vermutlich werde ich das tun, ja. Doch wie auch immer ich mich letzten Endes entscheide, meine Suche hat auf jeden Fall ein Ende.

In dieser Nacht fand ich nicht nur meine Eltern, auch mir selbst bin ich ein ganzes Stückchen nähergekommen.

27.4.09 08:50
 


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