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Mondscheinsonate

Mondscheinsonate

Der Tod trägt viele Gesichter. Eigentlich hatte ich gedacht, alle davon zu kennen, doch auf diesen Anblick war ich nicht vorbereitet gewesen. Wie auch?

Da stand ich und konnte nichts anderes tun, als voller Entsetzen diese zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leiche anzustarren. Für das Bellen der Hunde aus der Nachbarschaft war ich fast dankbar, überspielte es doch die tödliche Stille. Das viele Blut, das sich auf dem Asphalt verteilte - ich hätte es nicht einmal sehen müssen; der metallische Geruch, der mir in die Nase stieg, hatte mir schon von einigen Metern Entfernung verraten, was mich erwarten würde.

Wortlos griff ich Steves Hand und einmal mehr war ich dankbar, einen Mann an meiner Seite zu haben, der genau wusste, wie ich mich fühlte, mit dem ich über meine Erlebnisse reden und der mich verstehen konnte. Dad hatte es damals alles andere als gut gefunden, dass ich mich in einen Polizisten verliebt hatte. Wenn schon nicht ich selbst, so sollte doch wenigstens mein Mann einen ungefährlichen Job ausüben, Bäcker oder Schuhverkäufer, zum Beispiel.

Doch wie um alles in der Welt hätte ich einem Verkäufer oder wem auch immer erzählen sollen, dass sich ein bestialisches Monster in unserer Stadt herumzutreiben schien? Wie hätte ich so jemandem erklären können, wie es ist, sich Tag für Tag mit Angst und Schrecken, Mord und anderen Verbrechen konfrontiert zu sehen und gerade das gleichzeitig zu verabscheuen und zu lieben?
Keiner könnte das verstehen, manchmal fällt es ja selbst mir schwer, doch bei Steve ist das anders.

Bob, der Gerichtsmediziner, war bereits dabei, die Leiche zu untersuchen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Immerhin ist es mein Job, genau solche Verbrechen zu verhindern! Bob sagt immer, wenn ich das täte, dann sei er bald arbeitslos, ehrlich gesagt ... genau das würde ich mir wünschen. Menschen sterben, werden von gewissenlosen Killern zerstückelt und irgendwie scheinen wir nichts dagegen ausrichten zu können, schon deprimierend, echt!

Steve hatte sich bereits wieder unter Kontrolle und begann damit, die umstehenden Gaffer - andere mögen sie "potenzielle Zeugen" nennen - zu befragen, doch natürlich hatte keiner was gesehen oder gehört. Wie immer. Zum Kotzen.

Nach den üblichen Untersuchungen am Tatort und ein wenig Smalltalk mit Bob (der uns doch allen Ernstes fragte, ob wir nicht noch auf ein Bier und ne Pizza mitkommen wollten ...) machten Steve und ich uns auf den Weg; Protokolle wollten ausgefüllt und Telefonate geführt werden.

* * *

"Scheiße, Steve - hast du das gesehen? Ich meine, wer macht so was? So irre kann doch kein Mensch sein!?“
"Hey Cindy, ich nehm die Toten nicht gern mit ins Bett, das weißt du. Bitte lass uns morgen drüber sprechen, okay?"

Stimmt, ich wusste es, und normalerweise tat ich so was auch nicht gern, doch solch übel zugerichtete Leichen hatten wir in letzter Zeit mehrere gefunden und es gab Anlass, einen Serienmörder dahinter zu vermuten. Eine heiße Spur hatten wir nicht. Diesen Fakt konnte ich nicht auf ein paar festgesteckte Stunden in mein Bewusstsein sickern lassen und dann wieder daraus verbannen - ich hatte einfach Angst.

Klar, seit Beginn meiner Karriere sind schon einige Jahre vergangen, so leicht wie früher lasse ich mich heute nicht mehr aus der Bahn werfen – und doch ... es beruhigte mich immer wieder, wenn ich den kleinen Kreuzanhänger um Steves Hals sah, den ich ihn vor ein paar Jahren mal geschenkt hatte. Ich war nie gläubig, nein, aber wer weiß – schaden konnte es wohl kaum, schon gar nicht in unserem Job ...

"Steve, komm schon ... wir reden doch sonst auch immer über alles, ich find das einfach so ... so unglaublich schrecklich, wie um alles in der We..."
"Cindy, bitte - meinst du denn, an mir geht das spurlos vorüber? Nein, tut es nicht, aber wenn ich mich da jetzt auch noch die ganze Nacht mit rumschlage, was denkst du, wie es mir morgen geht? Von dir mal ganz zu schweigen."
"Aber ..."
„Cindy, nimms mir nicht übel, aber ich dreh noch mal ne Runde um den Block ... war ein scheiß Tag heute. Schlaf du, wir reden morgen darüber, okay?“ Und dann war er auch schon weg.

Schlaf du ... das war leichter gesagt, als getan, doch ich wusste, ich wäre zu diesem Zeitpunkt nicht an ihn rangekommen, also blieb ich liegen und versuchte, die Bilder aus dem Kopf zu bekommen. Irgendwann musste ich wohl eingenickt sein, doch das Klingeln des Telefons riss mich schon bald aus dem Schlaf. Instinktiv griff ich rechts neben mich - leer. Der Radiowecker zeigte vier Uhr sechzehn und ich wusste sofort, dass etwas passiert sein musste. Wenn um diese Zeit jemand anrief, dann für gewöhnlich einer vom Revier.

"Hallo ... was? ... Ja klar, komme sofort ... Wo genau? ... Verstanden, bin unterwegs."

Keine zwei Minuten, nachdem ich aufgelegt hatte, saß ich auch schon im Wagen und raste durch die Nacht.

Trotz Dunkelheit musste ich nicht lange suchen, der Fundort war mit Scheinwerfern beleuchtet und wie üblich standen auch schon die sensationshungrigen Spanner in der Nähe - wie ich das hasste!
Ich fuhr so dicht heran wie möglich, sprang aus dem Auto und lief geradewegs auf den Lichtkegel zu - das Blut sah ich von weitem.

Bob kniete bereits neben der Leiche. Ich wusste nicht, ob ich mir wünschen sollte, dass er beiseite ging, oder besser nicht. Er hörte mich wohl kommen, drehte sich zu mir, blickte suchend nach links und rechts und rief: "Hey Cindy, wo hast du denn Steve gelassen?"

Erleichtert schloss ich kurz die Augen. Unterwegs hatte ich mir überlegt, was ich wohl täte, wenn sie Steves Leiche gefunden hätten ... Dementsprechend groß war der Stein, der mir nun vom Herzen fiel. Ich warf einen verstohlenen Blick auf das zerfleischte Opfer, wandte mich dann aber schnell wieder ab. Womöglich hätte ich mich übergeben müssen, was mir in Anbetracht der Lage äußerst unangenehm gewesen wäre.

"Ich frag mal, ob einer was gesehen hat", sagte ich zu Bob und deutete auf die Gaffer, die sich eingefunden hatten, um eine möglichst gute Sicht auf das Horrorszenario zu erhaschen. Das ist der Nachteil an der Großstadt, die Leute scheinen nie zu schlafen, jedenfalls bleibt hier nichts unbemerkt, nicht mal mitten in der Nacht.
"Hat einer von Ihnen zufällig etwas bemerkt, was uns bei der Aufklärung dieses Falles behilflich sein könnte?", wollte ich wissen, doch wie ich es bereits gewohnt war, bekam ich zur Antwort nichts als Schweigen.

Plötzlich stand der Chief neben mir.
"Cindy, ich glaube, ich habe hier etwas, das sollten Sie sich mal ansehen." Er wirkte angespannt; blutleeres Gesicht, zitternde Hände, die etwas festhielten. Ich griff nach dem Stück Papier, das er mir entgegenstreckte - kein gewöhnliches Stück Papier, ein Polaroid-Foto.
Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, was darauf abgebildet war.

"Das kann nicht sein", brachte ich flüsternd hervor. "Nein ..."
"Es lag neben der Leiche. Vermutlich konnte das Opfer unbemerkt den Auslöser seiner Kamera betätigen, bevor es getötet wurde. Jetzt wissen wir wohl, womit wir es zu tun haben ..." Der Chief war mindestens genauso geschockt wie ich, damit hatte wohl keiner gerechnet.

Ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren.
"Bei allem Respekt, Sir", setzte ich an, "solche Gestalten gibt es vielleicht im Kino oder in Büchern, aber doch nicht hier bei uns, nicht im echten Leben!"
Er ließ den Kopf hängen und zuckte mit den Schultern.

"Ich glaube nur, was ich sehe. Und was ich hierauf erkennen kann, ist etwas, das aussieht wie ein aufrecht laufendes, behaartes Etwas, das sein riesiges Maul aufreißt und dem der Sabber an Lefzen und Fangzähnen runterläuft. Was bitte soll ich denn glauben, Cindy?" Er drehte sich weg.
"Ich werd noch verrückt!"
Dann blickte er mich wieder an, der Schrecken hatte sich in sein Gesicht gefressen.
"Cindy, ich weiß darüber auch nur das, was ich mal irgendwo gelesen habe. Silberkugeln und so was, beim richtigen Namen nennen soll ebenfalls wirken, aber ich habe keine Ahnung, ob das was nützt und außerdem habe ich weder das eine, noch das andere.“

Plötzlich schien ihm etwas eingefallen zu sein.
"Wo haben Sie eigentlich Steve gelassen? Ausgerechnet heute kommen Sie allein hierher, ich fasse es nicht ..."

„Er musste vorhin noch mal an die frische Luft, wollte eine Runde um den Block drehen. Als Sie angerufen haben, war er noch unterwegs. Keine Ahnung, vielleicht ist er in irgendeiner Kneipe versackt."

Nachdem die Leiche abtransportiert und die Spurensicherung mit ihrer Arbeit fertig war, schickte der Chief mich nachhause, ich sollte mich erst mal ausruhen, bevor ich am Vormittag mit unseren Ermittlungen fortfahren würde. Nervös fuhr ich los, würde Steve bereits da sein?

Das Foto hatte ich noch einstecken. Der Chief hatte vergessen, es zurückzufordern und ich würde es ihm auch ganz bestimmt nicht mehr geben. Was, wenn noch jemand entdecken würde, was ich darauf erkannt hatte? Was, wenn irgendjemand bemerkt hätte, dass unter der dicken Brustbehaarung des Monsters ein kleines, goldenes Kreuz hervorlugte? Nein, nur, wenn ich es geheim hielte, hätten wir noch eine Chance. Und fallen lassen würde ich ihn nicht, das war klar.

Ich zitterte am ganzen Körper, hatte panische Angst durchzudrehen. Doch dann fielen mir die Worte des Chiefs wieder ein: Silberkugeln und so was, beim richtigen Namen nennen soll ebenfalls wirken ...

Als er die Tür hereinkam, saß ich immer noch auf dem Sofa, das Bild in der Hand. Er fixierte mich, kam langsam auf mich zu.

Silberkugeln und so was, beim richtigen Namen nennen soll ebenfalls wirken ...

"Steve ...?"

Er lief weiter.

" Steeeeve ..."

Und in der Nachbarschaft bellten die Hunde ...

27.4.09 08:51
 


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